Düsseldorf, 6. März 2008 - Der 2006 verstorbene Publizist Joachim Fest hat sich selten zu Wirtschaftsthemen geäußert. Einem breiten Publikum wurde er als Hitler-Biograph und Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung bekannt. Doch wenn er einmal zu ökonomischen Fragen Stellung bezogen hat, dann hatten seine Anmerkungen Hand und Fuß. In Fests Buch „Nach dem Scheitern der Utopien“, das seine gesammelten Essays zu Politik und Geschichte enthält, findet sich ein Kommentar vom 3. Januar 1984 mit dem Titel „Cargo-Kult“.
Was meint Fest damit? Dazu erzählt er eine Geschichte. In Melanesien, der Inselwelt im Süd-Pazifik, hätten Anthropologen einen sonderbaren Kult ausgemacht: „Die materiellen Güter, die im Verlauf des Zweiten Weltkriegs zur Versorgung der amerikanischen Truppen herangeschafft wurden und deren Segnungen auch den Eingeborenen zugute kamen, beflügelten dort uralte Verheißungen von einer Zeit der Fülle und des Überflusses. Magisches Denken verband sich mit zunehmender Begehrlichkeit zu der Vorstellung, dass Cornflakes, Seidenstrümpfe und Dosenfleisch von den Göttern herkommende, auf gewaltige Schiffe und silberglänzende Metallvögel verfrachtete Gaben seien. Man spricht daher von Cargo-Kult“.
Die Folgen waren laut Fest fatal. Die Einheimischen stellten allmählich Jagd und Fischfang ein, sie gingen ihrer Bequemlichkeit nach und entwickelten eine Lebensweise, die „mehr und mehr auf wundersame Hilfe baute: die Götter würden schon sorgen“. Als dann Jahre später die Truppen abgezogen seien und die Lieferungen ausblieben, sei es zu Ausbrüchen heftigen Volkszorns gekommen: „Unfähig geworden, den Zusammenhang von Arbeit und Wohlergehen zu begreifen, breitete sich das Empfinden aus, von dunklen Mächten, von Dämonen oder von den Weißen um Glück und Reichtum betrogen zu sein.“
Eine ähnlich Stimmung machte Fest in der Bundesrepublik aus. Wenn die Leute gleichzeitig nach Lohnerhöhungen, Vollbeschäftigung und der 35-Stunden-Woche verlangten, dann sei dies auch Cargo-Kult. „Jetzt ist es wieder so weit. Die Politik in Deutschland rückt insgesamt nach links, der Ruf nach sozialen Wohltaten wird lauter, der Widerstand gegen die Hartz-Gesetze wächst“, sagt Udo Nadolski, Geschäftsführer des Düsseldorfer Beratungshauses Harvey Nash http://www.harveynash.de. „Der jüngste Mikrozensus des Statistischen Bundesamtes für das Jahr 2006 liest sich wie ein Beleg für die These vom Cargo-Kult. Nur 41 Prozent der Deutschen leben von ihrer Erwerbsarbeit. 28 Prozent leben vom Unterhalt durch Angehörige, 22 Prozent beziehen eine Rente oder Pension und sechs Prozent der Befragten erhalten Arbeitslosengeld I oder II. Mit einer Sozialleistungsquote von 30,3 Prozent (Anfang der sechziger Jahre waren es nur 21 Prozent) behaupten wir die Stellung als drittgrößter Sozialstaat der Welt. Im Jahr 2003 hatten nur Schweden und Frankreich eine noch höhere Nettosozialleistungsquote, so der Wirtschaftsjournalist Manfred Schäfers.“
„Muss die Devise daher nicht lauten, dass Deutschland wieder ein wenig ‚unsozialer’ werden muss?“, fragt Nadolski. Denn die Rundum-Versorgung breiter Bevölkerungsschichten durch den Staat – also durch die Steuerzahler – schaffe nur neue Ansprüche. „Die Anthropologen, so wäre noch anzumerken, berichteten, dass die Papuas, als die Schiffe und Flugzeuge der Götter ausblieben, jede Zuwendung von wohltätiger Seite mit verstärkten Wünschen beantworteten und dass ihre Unzufriedenheit mit dem Grad der Alimentierung wuchs“, so Fest über falsches Gottvertrauen.
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