Bonn/Hamburg – Die Deutschen sind auf Sicherheit fixiert. Jahrelang galt für die Fußballnationalmannschaft: Bloß nichts riskieren. Das Resultat war Rumpelfußball. Dann erfasste die „Geiz-ist-geil“-Welle das Land. Morgens bei Aldi und mittags bei Gucci einkaufen; das passte auf einmal zusammen. Doch mittlerweile mehren sich die Stimmen, die Geiz gar nicht für geil halten. Wolf Lotter hat sich mit der Sparwut der Deutschen auseinandergesetzt und schreibt in der aktuellen Ausgabe des Wirtschaftsmagazins brand eins http://www.brandeins.de: „Von nichts kommt nichts. Falsche Sparsamkeit führt in den Untergang“. Kein Land in Europa habe ein derart gestörtes Verhältnis zu den Begriffen „sparen“ und „ausgeben“ wie das deutsche. „Bei Discountern kauft die Nation ein wie verrückt, und zwar Lebensmittel, bei denen andere europäische Völker zögern würden, sie ihren Haustieren vorzusetzen“, so Lotter.
Realität und gefühlte Wahrnehmung der Menschen gehen oft auseinander. Noch in den fünfziger Jahren gaben die Deutschen fast die Hälfte ihres verfügbaren Haushaltseinkommens für Lebensmittel aus, heute sind es gerade einmal elf Prozent. Ein Durchschnittsbürger verdient heute das 19-fache des Einkommens eines seiner Vorfahren aus dem Jahr 1950, aber die Lebensmittelpreise haben sich lediglich um das 8,5-fache verteuert. Lotter nennt dieses Phänomen „Discountismus“ oder „Selbstkannibalisierung“. Die Deutschen, so seine These, pflegten das Angstsparen, und dies sei ein Produkt von Zukunftsangst und Knappheitsethik. Lotter vergleicht das Verhalten der Deutschen und der Amerikaner: Die amerikanische Sparquote sei mit durchschnittlich 3,5 Prozent deutlich niedriger als hier, was für einige ewig Ängstliche ein Beleg für die soziale Unsicherheit sei, mit der Amerikaner leben müssten. Der höhere Konsum und die intensiven Investitionen der Amerikaner hätten aber eben nicht dazu geführt, dass Land und Leute pleite seien. Das lasse sich einwandfrei nachweisen. Der Maßstab dafür sei das Nettogeldvermögen der privaten Haushalte, also das, was dem Bürger hüben und drüben in der Tasche bleibe, wenn alle Kredite und Schulden beglichen werden: „In den USA lag diese Nettovermögensquote, die sich am jeweils verfügbaren Einkommen bemisst, im Jahr 2002 bei 276 Prozent, in Deutschland bei 159 Prozent. Mehr Konsum, mehr Risiko, mehr Investition – kurz und gut: mehr Ausgaben – haben also die Amerikaner fast doppelt so wohlhabend gemacht wie die Deutschen.“ Angst sei eben ein teurer Spaß.
Sparen ist nur dann sinnvoll, wenn es ein Ziel hat. „Man kann einfach nicht sparen, ohne ein Ziel und eine Vision, man kann keine Opfer bringen für nichts. Wer spart, um zu sparen, handelt irrational – sonst nichts“, sagt Thomas Straubhaar, Chef des Hamburgischen Welt-Wirtschafts-Instituts HWWI http://www.hwwi.de. Und Paulus von Tarsus, der „Chefideologe der Christenheit“, wusste: „Der Geiz ist der Wahnsinn der Seele“. Zielvolles Sparen hingegen schaffe Werte – Geiz hingegen sei pure Besitzstandswahrung.
„Was zurzeit läuft, ist das exakte Gegenteil von ökonomisch sinnvoll. Kleine Unternehmen halten die Sparwut schon lange nicht mehr durch. Und vor allem haben viele noch nicht begriffen, dass die Sparwut das Einzige kaputtmacht, das uns international konkurrenzfähig macht: die Qualität“, so Udo Nadolski, Geschäftsführer des Düsseldorfer Beratungshauses Harvey Nash http://www.harveynash.de, im Gespräch mit brand eins. Qualität heiße „kontinuierliche Wertsteigerung eines Unternehmens durch Kundenzufriedenheit. Es geht darum, die Kunden besser zu bedienen, als das ein Konkurrent kann“. Doch während die Schere in Reichweite ist, ist der Kunde fern, und immer mehr Manager ließen sich „von einer völlig missratenen Kultur anstecken, von dieser fatalen Geiz-ist-geil-Stimmung, die sich aufschaukelt“, schreibt Lotter über den IT-Consulter.
Nadolski, der die Branche seit mehr als zwei Jahrzehnten kennt, hat einen historischen Bruch ausgemacht, den zwischen investitionsfreudigen Unternehmen und jenen, die sich aus der Affäre sparen wollen – und die heute den Ton angeben: „In den Zeiten des Internet-Hypes waren in den Führungspositionen vieler junger Unternehmen mutige, entschlossene Unternehmer tätig, Menschen, die etwas gewagt haben. Klar, es hat vielen von ihnen an betriebswirtschaftlichem Wissen gefehlt, aber sie wussten, was Unternehmertum ist. Nach dem Zusammenbruch des Neuen Marktes waren diese Leute vollkommen abgemeldet. Und an ihre Stelle sind jene betriebswirtschaftlichen Hardcore-Freaks getreten, die uns heute die Probleme bereiten“, sagt Nadolski. Ihre Politik sei vielfach ganz einfach: „Nichts geht mehr. Da ist eine Selbstkannibalisierung im Gange, die auf Dauer alles zerstört.“
Langsam, meint der Berater, verstünden aber mehr und mehr Manager, dass die kurzfristigen Schnäppchen und das falsche Spardenken zu nichts führen. „Vor einem Jahr hätte ich gesagt: Da ist nichts zu machen, die sparen den Laden kaputt. Aber jetzt gibt es bei einigen Managern zunehmend eine Unzufriedenheit über den Status quo.“
„Es sind vermutlich die Manager, die noch etwas vorhaben, die ihre Zukunft nicht bereits abgeschrieben oder – durch schnelles Abzocken – gut kalkulierbar gemacht haben. Die, die es sich und ihren Leuten ersparen wollen, vor einem grandiosen Nichts zu stehen, das bis dahin aber prima in die Bilanz passt“, resümiert Lotter.
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