Jürgen Liminski will mehr Gerechtigkeit für Mütter, Väter und Kinder
Von Alexander Wenger
Jürgen Liminski ist wahrlich kein unbeschriebenes Blatt, wenn es um das Thema Familie und Familienpolitik geht. Zum einen schöpft der Journalist, der heute für den Deutschlandfunk http://www.dradio.de arbeitet und früher unter anderem Ressortleiter Außenpolitik der Tageszeitung Die Welt http://www.welt.de war, aus dem realen Leben: Mit seiner Frau Martine hat Liminski zehn Kinder. Zum anderen hat er bereits 2005 gemeinsam mit seiner Gattin das Buch „Abenteuer Familie“ geschrieben. In seinen zahllosen Artikeln und Kommentaren für diverse Zeitungen und Zeitschriften ist überdies immer wieder von der Familie die Rede.
In seinem Vorwort betont der Bischof von Augsburg, Walter Mixa, wie wichtig Liminskis Anliegen sei: „Familienpolitik hat sich in den zurückliegenden Jahren unter dem wachsenden Einfluss von Pseudowerten einer familienfeindlichen Ideologie, die ihre Wurzeln in der Kulturrevolution von 1968 haben, zu einem feministischen Experimentierfeld entwickelt: zum Schaden der Mütter, der Kinder und der Familien. Unter dem zusätzlichen Druck der Wirtschaft, junge Frauen als Arbeitskräfte-Reserve für die Industrie zu rekrutieren, ist vor diesem Hintergrund der massive Ausbau der Fremdbetreuung auch für Kleinstkinder zu einem der gesellschaftlichen Prestigeobjekte bundesdeutscher Familienpolitik geworden.“
Liminski versteht sein 176 Seiten starkes Buch als eine „Kampfansage“ – vor allem an die Programme und Ideologien, die er für familienfeindlich hält. Schon im Vorwort macht der Autor deutlich, dass der „Verrat an der Familie“ aktuell vor allem auf das Konto der Großen Koalition und des „politisch-medialen Establishments“ geht.
Schweine sind produktiver als Eltern
Kinder passen auch nicht in das Denken der gegenwärtigen Arbeits- und Wirtschaftswelt. Dazu passend zitiert der Verfasser den Wirtschaftstheoretiker Friedrich List (1789 bis 1846): „Wer Schweine erzieht, ist ein produktives, wer Menschen erzieht ein unproduktives Mitglied der Gesellschaft.“ Familienarbeit war für Adam Smith eine Leerstelle, in seinem Hauptwerk „Der Wohlstand der Nationen“ findet sie keine Erwähnung, so Liminski. Diese Vernachlässigung der Frauen- und/oder Familienarbeit wirke bis heute nach.
Besonders familienvergessen seien die Journalisten. Dies habe unter anderem damit zu tun, dass sie überwiegend kinderlos und politisch zu zwei Dritteln links von der Mitte anzusiedeln seien. Wenn diese Meinungsmacher mit den oft ebenfalls kinderlosen oder in ungefestigten und rasch wechselnden Partnerschaften lebenden Politikern zusammenhocken, dann kann daraus für die Familie nichts Positives herum kommen: „Die angeblichen, gelegentlich auch tatsächlichen Alphatiere des Medienberufs setzen in Berlin zusammen mit den Wortführern aus der Politik die Akzente in der Familienpolitik. Je weiter allerdings die familienpolitische Debatte sich in die Sozial- und Bildungssysteme verästelt – Familienpolitik ist ein gesellschaftlicher Querschnittsbegriff -, um so häufiger greifen Leitmedien, insbesondere große Tageszeitungen, auf wirkliche Experten zurück.“
Liminski zitiert die von dem tapferen und investigativen Ich-kann-alle-Sendungen-dieser-Welt-moderieren-Journalisten Johannes B. Kerner zum Abschuss frei gegebene Ex-Nachrichtenfrau und Buchautorin Eva Hermann. Sie ist davon überzeugt, dass die schweigende Mehrheit in diesem Lande beim Thema Ehe, Familie und Mutterschaft auf ihrer Seite stünde. Rund 70 Prozent der Journalisten seien jedoch kinderlos, hätten keinen oder kaum einen persönlichen Bezug zu Kindern und Familie. Karriere und Arbeit, auch Ideologie trennten sie oft vom wirklichen Leben.
Lieber Puff als Herd – Feministinnen hassen Hausfrauen
Besonders lesenswert sind die Passagen, in denen sich der Autor für die „Nur“-Hausfrauen und Mütter stark macht. Reden wir nicht um den heißen Brei. Die jahrzehntelange Geringschätzung der Hausarbeit und der Kindererziehung hat bei uns allen Spuren hinterlassen. Wir alle neigen bewusst oder unbewusst dazu, außerhäusliche Erwerbsarbeit höher zu schätzen. Dies liegt sicher auch daran, dass unsere Gesellschaft auf Euro und Cent fixiert ist. Und entlohnte Erziehungsarbeit und Rentenansprüche für Mütter gibt es bei uns eben nicht.
Die rotgrüne Bundesregierung, so Liminski, habe den Beruf der Prostituierten anerkannt, den der Hausfrau und Mutter aber nicht: „Und auch für die gegenwärtige Regierung gilt offenbar wirtschaftlich gesehen das Frauenbild: lieber der Puff als der Herd“. Dabei fielen die Wünsche der Hausfrauen gegenüber denjenigen der Karrierefrauen bescheiden aus. Man wäre froh, überhaupt anerkannt zu werden, dann freilich auch eine monetäre Honorierung zu erfahren. Laut einer Allensbach-Umfrage fühlen sich nur noch sieben Prozent der deutschen Hausfrauen und Mütter von der Gesellschaft in ihrer Rolle anerkannt.
In Person von Ursula von der Leyen propagiert und bevorteilt der Staat jedoch das Doppelverdienermodell. Frauen, die das Wohl ihrer Kinder und die eigene Gesundheit nicht opfern wollen und zumindest einige Jahre zuhause bei der Familie bleiben möchten, sind zumindest in finanzieller Hinsicht schlecht gestellt. Dass auch die Verantwortung der Väter nicht gering zu veranschlagen ist, macht Liminski an einer amerikanischen Studie deutlich, wonach fast zwei Drittel aller Vergewaltiger, drei Viertel der jugendlichen Mörder und ein ähnlich hoher Prozentsatz junger Gefängnisinsassen ohne Vater großgeworden sind.
Massenkindhaltung in DDR-Manier
In einem Exkurs widmet sich das Buch auch der so genannten Krippendiskussion. Leider handelt es sich hier oft nur um „Massenkindhaltung“. Zu polemisch? Nein, keineswegs, denn der australische Psychologe, Familienforscher und Bestsellerautor Steve Bidulph hat herausgefunden, dass Krippenkinder täglich gerade mal acht Minuten direkten Augenkontakt mit einer Betreuerin haben. Dabei haben Experten längst nachgewiesen, von welch entscheidender Bedeutung die emotionale Zuwendung von Mutter und Vater in den ersten drei Jahren für die Hirnentwicklung des Babys ist. Wem das alles zu theoretisch ist, sollte bei Gelegenheit mal den Selbstversuch machen, und durch einen lächelnden und freundlichen Blick Kontakt zu Babys und kleinen Kindern aufnehmen. Das Resultat, nämlich in der Regel ein glucksendes Lachen, falls das Baby nicht gerade einen schlechten Tag hat oder fremdelt, wird mehr aussagen als alle Buchweisheiten.
Liminskis Buch ist ein wichtiger Denkanstoß, denn immer noch vertraut die hiesige Politik in „alter DDR-Manier eher dem Staat als den Eltern“. Angeblich will man ja nur das Gute und die Frauen von Haus und Herd befreien. Ob dies das auch immer wollen und nicht für ein paar Jahre ein stressfreieres Leben oder Doppel- und Dreifachbelastungen der Mütter vorziehen würden, wird gar nicht erst diskutiert. Vielleicht bedenkt die Familienministerin nicht, dass nicht alle Frauen in diesem Land die finanziellen Möglichkeiten zur Fremdbetreuung des eigenen Nachwuchses haben wie der Haushalt von Frau von der Leyen.
Dieses Land muss mehr in Kinder investieren – finanziell wie moralisch. Statt dessen betrachtet man diese Ausgaben immer nur als Kosten, fast nie als Investition in die Zukunft. Das Erschrecken wird dann besonders groß sein, wenn der demographische Wandel erstmals richtig im Portemonnaie der Bürger spürbar wird. Liminskis Forderungen laden zur Debatte ein. Mag sein Vorschlag für ein Familienwahlrecht manchen als abwegig erscheinen, dürften die anderen Vorschläge breitere Zustimmung erfahren. Die Ungerechtigkeiten gegenüber der Familie, die sich im Steuersystem, bei der Erhöhung der Mehrwertsteuer, der Kürzung der Pendlerpauschale und der Wohnungsbauförderung niederschlagen, müssen zurückgenommen werden. Es ist auch nicht einzusehen, warum Eltern, die ihr Kind selbst oder in privater Initiative mit anderen Eltern betreuen wollen, nicht ein Betreuungsgeld in Höhe der Kosten eines Krippenplatzes zusteht. In Thüringen ist dies schon lange Praxis. Die Ideologen verunglimpfen dieses Stück Gerechtigkeit gern als „Herdprämie“.
Gibt es noch Hoffnung? Oder muss man Liminski zustimmen, der schreibt, Familienpolitik sei in Deutschland eine Politik ohne Zukunft? Egal, ob das Glas nun halb voll oder halb leer ist. Wenn Liminskis Schlussfolgerung stimmen sollte, dann hat dieses Land bald keine Zukunft mehr. Dann leben wir – wie jetzt schon in Sachsen-Anhalt zu besichtigen – in einem kaum zu finanzierenden Altenheim ohne Kinder und ohne Leben.
Jürgen Liminski: Die verratene Familie. Politik ohne Zukunft. Sankt Ulrich Verlag: Augsburg 2007. 176 Seiten, 18,90 Euro, ISBN 978-3867444-025-7. Der Link zum Buch: http://www.sankt-ulrich-verlag.de/index.php/buecher/titel_von_a_bis_z/d/die_verratene_familie
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