Jörg Magenau hat eine unkritische Geschichte der taz geschrieben
Von Ansgar Lange
Der 1961 geborene Literaturkritiker Jörg Magenau war vor allem für linke Medien wie Freitag, Wochenpost und taz tätig. Zwischendurch hat er auch eine Zeit lang für die bürgerliche Frankfurter Allgemeine Zeitung geschrieben, was in der heutigen Zeit aber nicht mehr viel zu besagen hat, da das Feuilleton der „Zeitung für Deutschland“ nicht gerade als Hort des Konservatismus gilt. Ein wenig verwundert es schon, dass der renommierte Hanser-Verlag ausgerechnet Magenau mit dem Schreiben einer Art Biographie der mittlerweile fast 30 Jahre existierenden Berliner tageszeitung, kurz taz, beauftragt hat. Denn es mangelt dem Autor an kritischer Distanz. Statt einer sauberen Analyse bekommt der Leser oft mehr oder weniger wichtige und erinnerungswürdige Anekdoten präsentiert. Diejenigen, welche die taz nicht nur als Zeitung, sondern als Lebensform verstehen, werden das Buch trotzdem mit Genuss lesen.
Dem Urteilsvermögen Magenaus ist nicht immer zu trauen. Mit Skepsis sollte man beispielsweise seiner Hauptthese begegnen, wonach in der links-alternativen Gazette sozusagen der „Kernbestand moderner Bürgerlichkeit“ enthalten sei. Der Träger des Alfred-Kerr-Preises für Literatur beglückt uns dann mit Sätzen wie: „Das grün-alternative Milieu ist der Beginn eines neuen, moralisch orientierten Bürgertums, das entdeckt, dass zum Linkssein auch bewahrende, konservative Elemente gehören. Das trifft für die Ökologiebewegung ebenso zu wie für die Hausbesetzer, die um den Erhalt der Stadt als eines zivilen Lebenstraums kämpften.“
Es stimmt hinten und vorne nicht, wenn der Verfasser die taz einerseits als „bürgerliche Institution“ stilisiert, andererseits aber zurecht schreibt, dass ihre Entstehungszeit in den Herbst 1977 fällt, „in dem der Kampf zwischen der RAF auf der einen, dem Staat und der Öffentlichkeit auf der anderen Seite eskalierte“. „Die RAF okkupierte mit Antikapitalismus, Antifaschismus und Staatsfeindlichkeit Teile der linke Ideologie, so dass es unmöglich schien, ihr die Solidarität völlig zu verweigern“, hält Magenau fest. Dieser Satz liest sich so normal und gewöhnlich, dass man das Ungeheure, das zwischen den Zeilen steckt, fast übersieht. Wie schlecht musste es um den kritischen Verstand von Redakteuren bestellt sein, die sich nicht ohne Wenn und Aber von einer Verbrecherbande distanzieren?
Um die Zukunft der taz muss man sich wahrscheinlich keine Sorgen machen. Diejenigen, die zum Biobauern gehen und sich als Angehörige eines rot-grünen Milieus begreifen, werden weiterhin zu ihrem Leib- und Magenblatt greifen. Doch ist die taz wirklich unersetzbar? Auf die FAZ könnte das zeitungslesende Deutschland wahrscheinlich nicht verzichten, denn es gibt kein anderes Blatt von ähnlichem Niveau in diesem Land. Der Politikteil, der Wirtschaftsteil und auch das Feuilleton setzen Maßstäbe, die andere Print-Medien kaum einhalten können. Die Funktion der taz könnte jedoch locker von der Frankfurter Rundschau oder in Teilen von der Süddeutschen Zeitung und selbst dem Spiegel übernommen werden.
Die taz ist keine wirklich große Zeitung. Sie lieferte Geschichten und nicht Geschichte, daher auch das Anekdotenhafte bei der Schilderung des taz-Biotops. Es fehlen vor allem die großen Namen. Klar, Hans-Christian Ströbele hat einst für die Redaktion Brötchen geschmiert. Doch wirklich bedeutende Autoren hatte sie nicht. Und das einige ehemalige taz-Redakteure heute an prominenter Stelle bei der einst als Springer-Blatt – Magenau verfällt noch oft in diesen Jargon – herabgewürdigten Tageszeitung Die Welt arbeiten, zeigt, wie unterscheidbar die politischen und auch die publizistischen Lager in Deutschland geworden sind (oder wie mühelos manche Journalisten ihre Gesinnungen wechseln). Am Ende befällt einen fast ein ketzerischer Gedanke: Wie wäre es mit einer konservativen oder rechten taz für Deutschland? Etwas flotter als die oft gravitätische FAZ, nicht ganz so opportunistisch und personalpolitisch merkwürdig agierend wie die Welt.
Jörg Magenau: Die taz. Eine Zeitung als Lebensform. Hanser Verlag: München 2007, 280 Seiten, 21,50 Euro.
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