Mehr Geld bringt nicht automatisch mehr Gesundheit
Bonn/Köln – Kaninchen sind süß. Vor allem kleine Mädchen können sich für die putzigen Nagetiere begeistern. Doch ein Wolpertinger ist weniger süß. Es handelt sich hierbei um ein gehörntes Kaninchen, das allerdings nur in der bayerischen Fabel existiert und nicht schön anzuschauen ist. Meinhard Miegel, Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Wirtschaft und Gesellschaft (IWG) Bonn http://www.iwg-bonn.de, hält die neue Gesundheitsreform für ein solches Fabelwesen. Überraschen dürfe dies niemanden, denn die beiden Partner der großen Koalition hätten versucht, „zwei letztlich unvereinbare Konzepte“ miteinander zu verbinden. „Dass auf diese Weise ein gehörntes Kaninchen, ein Wolpertinger, entstehen musste, interessiert demgegenüber wenig“, so Miegel.
Die Bevölkerung dürfe sich aber nicht mit dem Motto „Nach der Reform ist vor der Reform“ abspeisen lassen. Der ehemalige Biedenkopf-Vertraute macht sich seine Gedanken darüber, wie eine wirkliche Gesundheitsreform aussehen könnte. Zunächst hält er fest, dass immer mehr Geld nicht unbedingt zu mehr Gesundheit führt. So lägen die Gesundheitsausgaben der Japaner, Italiener oder Spanier pro Kopf der Bevölkerung bei nur etwa zwei Drittel dessen, was in Deutschland ausgegeben werde. Trotzdem erreichten sie ein höheres Alter bei besserer Gesundheit als die Deutschen. Umgekehrt gäben die US-Amerikaner annähernd doppelt so viel aus wie die Deutschen und hätten dennoch eine geringere Lebenserwartung.
Bürger muss Verantwortung übernehmen – Kein Raubbau mehr an eigener Gesundheit
Außerdem ist Miegel der Ansicht, das deutsche Gesundheitssystem leide nicht unter einem Mangel an Effizienz. Im Gegenteil: Es sei eines der effizientesten der Welt – allerdings werde es auch mit den höchsten Ansprüchen konfrontiert: „Medizinischer Fortschritt für alle, keine Wartezeiten, höchstwertige Medikamente, bestmögliche Pflege – und das alles bei einer altersbedingt immer morbideren Bevölkerung. Mit elf Prozent des BIP ist das nicht zu bezahlen.“ Wenn die Deutschen mehr Geld für ihre Gesundheit ausgeben wollten, müssten sie sich zugleich mit kleineren Wohnungen, weniger luxuriösen Autos und weniger Urlaub begnügen. Miegel empfiehlt jedoch einen anderen Weg. Wenn die Bürger mehr Verantwortung für ihre eigene Gesundheit übernähmen und persönliche Lebensrisiken minimierten, müsste nicht mehr Geld ins System geschossen werden. Allerdings liege es am Bürger und nicht am Staat, ob er Raubbau an seiner Gesundheit treiben wolle.
Für ein „Ende der Illusionen“ spricht sich Frank Neuhaus, Leiter der Unternehmenskommunikation der DKV Deutsche Krankenversicherung AG http://www.dkv.de, aus. „Das deutsche Gesundheitssystem kostet jährlich mehr als 240 Milliarden Euro und ist damit das drittteuerste der Welt“, erläutert Neuhaus. Nur die USA und die Schweiz gäben pro Kopf mehr Geld für Gesundheit aus. In dem von der WHO jedes Jahr veröffentlichten Vergleich nationaler Gesundheitssysteme habe Deutschland im Jahr 2005 Platz drei bei den Kosten, aber nur Platz 25 in Sachen Zufriedenheit und Effizienz des Gesundheitssystems eingenommen. Der demographische Wandel führe ein umlagefinanziertes Krankenversicherungssystem ad absurdum. Dies sei nicht mehr tragfähig für die Zukunft: „Über 17 Prozent der Deutschen sind älter als 65 Jahre. Diese Gruppe verursacht über 40 Prozent aller Gesundheitskosten. 2050 wird es rund zehn Millionen Alte mehr geben und – das weiß man schon jetzt – rund 16 Millionen Junge weniger.“ Außerdem stöhnten viele Ärzte in Deutschland über einen immer größer werdenden bürokratischen Aufwand, sinkende Einkommen, intransparente Bezahlungssysteme und demotivierende Arbeitsbedingungen.
Ordnungspolitik statt Überregulierung
Neuhaus hält nichts davon, immer mehr Geld in das bestehende System zu pumpen. Nach Jahrzehnten der Überregulierung sollte sich die Politik seiner Meinung nach auf die Bereitstellung von Ordnungsregeln konzentrieren, die das Gesundheitssystem zukunftsfähig machen. „Ordnungspolitisch sinnvoll und gleichzeitig gerecht ist die Trennung von Versicherungsaufgaben und gesellschaftspolitischer Umverteilung. Für die Umverteilung gibt es das Steuertransfersystem. Für die soziale Absicherung gibt es Versicherungen“, so der DKV-Kommunikationschef. Denn nicht nur Experten, auch der „gesunde Menschenverstand“ sagt: Je länger man damit wartet, die Krankenversicherung schrittweise auf mehr Kapitaldeckung umzustellen, desto teurer wird es.
Wie ein derartiger schrittweiser Umstieg realisiert werden kann, dazu haben die privaten Krankenversicherer (PKV) konkrete Vorschläge gemacht: So hat die PKV beispielsweise angeboten, jeden freiwillig gesetzlich Krankenversicherten ohne Risikoprüfung in einen Basistarif zu übernehmen und gleichzeitig die Politik aufgefordert, die Versicherungspflichtgrenze abzusenken, um mehr Menschen die Möglichkeit zu geben, selber für die steigenden Gesundheitskosten im Alter vorzusorgen.
Mehr Kostentransparenz führt zu mehr Kostendisziplin
„Mehr Kostentransparenz führt zu mehr Kostendisziplin“: Davon ist Neuhaus überzeugt. Denn im Gegensatz zu einem Privatpatienten wisse kein Kassenpatient, was seine Behandlung kostet.
Zur Erschließung von Effizienzreserven müssten Krankenversicherer die Möglichkeit erhalten, Einzelverträge mit Leistungserbringern abzuschließen. Denn es sei nicht einzusehen, warum gegenwärtig Ärzte nach Quantität und nicht nach Qualität bezahlt werden. Die zur Zeit bei der ambulanten Versorgung geltenden Gebührensysteme belohnten Ärzte, die möglichst viele Einzelfalleistungen erbrächten, die Qualität spiele bis jetzt keine Rolle bei der Honorierung, obwohl durch eine effizientere Behandlung Kosten eingespart werden könnten und Patienten schneller wieder gesund würden.
„Was wir brauchen, ist ein Gesundheitssystem, in dem der Staat nicht alles bestimmt, sondern in der Eigeninitiative und Eigenverantwortung gefördert werden“, resümiert Neuhaus. Die logischen Antworten auf die Frage „Was tun?“ könnten folgendermaßen aussehen: Ein sukzessiver Einstieg in mehr kapitalgedeckte Krankenversicherungen sei nötig. Statt einer staatlichen „Einheitskasse“ müsse es einen marktwirtschaftlich organisierten Preis-Leistungswettbewerb zwischen den Krankenversicherungsunternehmen geben. „Es bleibt dann immer noch genug Spielraum für den steuerfinanzierten Staat, sich um diejenigen zu kümmern, die sich nicht mehr selber helfen können. Das sind aber nicht 90 Prozent der Bevölkerung, sondern zum Glück viel weniger“, weiß Neuhaus.
Politik entmündigt die Bürger
Der Gesundheitsexperte Michael Sander, Geschäftsführer der TCP Terra Consulting Partners GmbH http://www.terraconsult.de in Lindau und Vorstandsmitglied des CareHelix Instituts für Management und Dialog im Gesundheitswesen (CIM) http://www.carehelix-institut.de in Hamburg, ist ebenfalls der Meinung, dass an mehr Selbstverantwortung der Bürger kein Weg vorbei führe. „Für die neue Volkskrankheit Übergewicht sind die meistern der Erkrankten selbst verantwortlich“, sagt Sander. „Wer Schokolade statt Äpfel ist und Fußball schaut statt Sport zu treiben, der muss für die Folgen dieser Entscheidungen auch die Konsequenzen tragen. Nur ein Gesundheitssystem, das auf diesem äußerst simplen Zusammenhang in seiner Architektur aufbaut, wird langfristig stabil sein. Dann kann man auch mit den demographisch bedingten Mehrausgaben und mit sozialem Ausgleich zurecht kommen.“ Ohne das Anerkennen von Verursacherprinzip und Selbstverantwortung werde es kein funktionsfähiges und finanzierbares Gesundheitssystem geben. Schade sei nur, dass kein Politiker dies öffentlich fordern werde, denn das hieße, die eigenen Wähler in die Pflicht zu nehmen: „Insofern entmündigt die Politik am Beispiel des Umgangs mit der Gesundheitsreform ihre Bürger.“
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