Bonn/Düsseldorf - Pünktlich zur Fußballweltmeisterschaft schwappt eine Patriotismuswelle durchs Land. Menschen, Autos, Grillwürstchen: Alle tragen Schwarz-Rot-Gold. Sind die Deutschen endlich geläuterte Patrioten? Wünschenswert wäre das ja. Andere Nationen haben es angeblich leichter, ihren diesbezüglichen Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Doch manche Ausländer tun sich auch schwer. So textet der britische Dandy-Sänger Morrissey in seinem Lied „Irish Blood, English Heart”: „I’ve been dreaming of a time when/to be English/is not to be baneful/to be standing by the flag not feeling/shameful, racist or partial”. Doch Morrissey ist sowieso etwas vergrübelt, was vielleicht daran liegt, dass er strenger Veganer (“Meat is murder”) ist.
Seit dem Weltjugendtag in Köln sind die Deutschen angeblich ja auch wieder geborene Christen. „Schau’n mer mal! Wahrer Patriotismus erweist sich (wie echte Religiosität) im Alltag“, schreibt Stefan Baron in seinem Editorial zur aktuellen Wirtschaftswoche (Wiwo) http://www.wiwo.de. Baron zweifelt daran, dass die Deutschen auf einmal ein Volk der Christen und Patrioten geworden sind: „Das Deutschlandlied zu singen verlangt keine große Anstrengung. Fähnchenschwenken kostet nichts. Was aber ist, wenn es darum geht, entweder ein unliebsames Job-Angebot vom Arbeitsamt anzunehmen oder sich lieber von der Nation der Steuer- und Sozialabgabenzahler weiter durchfüttern zu lassen?“
In Deutschland hat der Patriotismus oft den Beigeschmack von Nationalismus und riecht nach Volksgemeinschaft. Laut Baron ist der Lackmus-Test für Patriotismus im Zeitalter der Globalisierung die Einstellung zum Thema Einwanderung: „Patriot kann im 21. Jahrhundert nur noch sein, wer für eine aktive, gezielte Immigrationspolitik eintritt. Die vaterlandslosen Gesellen dagegen sind diejenigen, die Ausländer draußen halten wollen“. Der Wiwo-Chefredakteur kann seine Zweifel nicht verbergen, dass die Deutschen wirklich schon geläuterte und moderne Patrioten sind. Sie hingen leider „immer noch dem alten Ideal einer homogenen Gesellschaft an“. Das Land müsse aber endlich dem Beispiel der Vereinigten Staaten folgen und versuchen, die besten Talente aus aller Welt nach Deutschland zu holen.
„’Steck Dir eine Fahne an, damit das Feuilleton schwadronieren kann’: So könnte man die wabernde Patriotismus-Debatte unter deutschen Intellektuellen auf einen Nenner bringen“, schreibt Michael Müller, Geschäftsführer der in Neuss und Potsdam ansässigen a & o-Gruppe http://www.ao-services.de und Wirtschaftssenator im Bundesverband mittelständische Wirtschaft (BVMW) http://www.bvmwonline.de, in seiner Kolumne „Der Dienstleistungsökonom“ in der Sommerausgabe der Zeitschrift NeueNachricht http://www.ne-na.de.
Müller attackiert die nationale Erweckungsprosa eines Matthias Matussek, seines Zeichens Kulturchef des Nachrichtenmagazins Der Spiegel http://www.spiegel.de. „Es ist erschreckend, wie sich ‚Klein-Fritzchen’ in seiner Deutschtümelei das Wesen der Ökonomie vorstellt“, meint Müller. „Die Nation werde nämlich nicht mehr nur von bösen linken Internationalisten bedroht: ‚Es sind Manager, die in Deutschland Arbeitsplätze streichen und ins Ausland verlagern und sich einen Dreck um soziale Belange kümmern. Sie nutzen die durch Entlassungen gewachsenen Erträge dazu, weiter zu entlassen, um weitere Gewinnsteigerungen zu erzielen, um weiter zu entlassen, um weitere Gewinnsteigerungen zu erzielen, um weiter zu entlassen und ein paar deutsche Aktionäre und sehr viele ausländische reicher zu machen.’“ So klage Matussek und halte dies dann auch noch für patriotisch.
Sein sinnloser Appell, dass die Vaterlandsliebe der Motor sei, damit „es dem Land gut geht", bestätige die These der Zeitschrift Cicero http://www.cicero.de, dass das Meinungsklima in Deutschland von Nicht-Ökonomen beherrscht wird, die mit ihrem wirtschaftlichen Halbwissen zur Desorientierung beitragen. „Jedes Land, das heute auf einen derart kruden Wirtschaftsnationalismus oder Neo-Merkantilismus setzen würde, wäre dem Untergang geweiht. Das haben wir vor über 100 Jahren schon einmal erlebt: Auch damals gab es große Errungenschaften, materiellen Fortschritt, Schwindel erregende neue Technologien wie das Automobil, das Telefon, die Schreibmaschine – und Proteste gegen eine Welt, die sich der Kontrolle traditioneller politischer Institutionen entzog. Auf diese Entwicklung reagierten damals wie heute vor allem die reichen, industrialisierten und weniger die armen, an den Rand gedrängten Länder. Es waren die hoch entwickelten Länder, die Schutzzölle gegen die ‚unfaire’ ausländische Konkurrenz einführten. Um die ungeordneten Kapitalflüsse zu lenken, wurden Zentralbanken etabliert. Die Migrationspolitik wurde restiktiver, große Einwanderungsländer begannen über eine Selektion der Einwanderungswilligen zu diskutieren. Links- und Rechtspopulisten bekämpften auch damals die Globalisierung mit identischen Argumenten. Sie predigten die Abschottung der Nationalstaaten als Bollwerk gegen fremde Waren, ausländische Unternehmen und Einwanderer. Wie heute breitete sich die Angstkampagne gegen die Globalisierung in Windeseile aus“, so Müller.
Die Fakten belegten aber eindeutig, dass Deutschland von der Öffnung der Weltmärkte profitiert. Es exportiere mehr nach Asien oder Osteuropa als umgekehrt. Mit 1,3 Prozent der Weltbevölkerung erzeugten die Deutschen gut zehn Prozent des Welthandels. Fernab der Feuilletondebatten vollziehe sich der Wandel in der Realität. Die deutsche Industrie nehme die Globalisierung an. Nur die deutschen Intellektuellen, die jetzt aus verkaufstechnischen Gründen den Charme des Nationalen entdeckt haben, tun dies anscheinend nicht.
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