Nachkriegszeit forderte den Bürgern mehr Veränderungsbereitschaft ab als heute
Bonn/Berlin – Seit Jahren wird den deutschen Arbeitnehmern die Notwendigkeit von Flexibilität, Mobilität und lebenslangem Lernen gepredigt. Entpuppt sich der flexible Arbeitnehmer als Mythos? Glaubt man dem Handelsblatt http://www.handelsblatt.de, dann standen Weiterbildung und Jobwechsel in der Vergangenheit schon mal höher im Kurs als heute. Entgegen der Sonntagsrhetorik hielten es die Deutschen in der Realität nämlich nicht mit den propagierten Tugenden. „Im Vergleich zu den ersten Jahrzehnten der Republik hat die Flexibilität sogar abgenommen. Auch Weiterbildung war schon mal stärker im Trend“, so die Handelsblatt-Redakteurin Barbara Gillmann. Der „beschworene flexible Arbeitnehmer“ sei nur ein „moderner Mythos“.
Nach einer Erhebung des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) http://www.bibb.de und des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) http://www.iab.de hatte zur Jahrtausendwende jeder dritte bereits einmal den Beruf gewechselt, davon neun Prozent mehrmals. Gegenüber 1991 habe es kaum Veränderungen gegeben, die Anteile der Wechsler seien gleich geblieben. Blicke man noch weiter zurück, zeige sich gar eine abnehmende Mobilität: 1979 hätten noch 37 Prozent einen Berufswechsel zu Protokoll gegeben. Die Erklärung für diese überraschenden Zahlen: Der Übergang von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft läuft offenbar weit sanfter beziehungsweise innerhalb der Berufe ab. In der Nachkriegszeit seien hingegen weite Teile der Bevölkerung gezwungen worden, von der Landwirtschaft in die Industrie zu wechseln.
Die internationale Mobilität sei trotz der Globalisierung äußerst beschränkt. Von den hierzulande geborenen Deutschen seien nur 2,4 Prozent schon einmal berufsbedingt im Ausland gewesen. Auch die Treue zum Unternehmen nehme eher zu. Parallel zu der Scheu, beruflich neue Ufer anzusteuern, seien die Deutschen bei der Weiterbildung sogar eindeutig auf dem Rückzug. Seit 1997 sinke die Teilnahme an beruflicher Weiterbildung in Ost wie West. Dies sei umso bedenklicher, da in der alten EU nur Griechenland und Spanien noch schlechter bei der Weiterbildung abschnitten.
„Wir sehen hier ein ähnliches Phänomen wie bei den Wirtschaftsreformen“, sagt Udo Nadolski, Geschäftsführer des Düsseldorfer Beratungshauses Harvey Nash http://www.harveynash.de. „Seit Jahren reden wir uns die Köpfe heiß über Einschnitte ins soziale Netz, über Hartz IV und die Massenarbeitslosigkeit. Doch geschehen ist wenig. Vielleicht existiert der Mythos vom flexiblen Arbeitnehmer aber nur deshalb, weil so viel darüber geredet wurde, jüngst ja noch unter der Überschrift Generation Praktikum. Pauschalurteile verbieten sich jedoch. So haben viele junge Menschen aus den neuen Ländern Flexibilität und Mobilität bewiesen, als sie sich der Arbeit wegen in den Westen aufmachten. Meiner Einschätzung nach müssen in Zukunft die Arbeitnehmer, die über kein sehr hohes Bildungsniveau und keine optimale Ausbildung verfügen, noch mobiler und flexibler werden. Wer für die Anforderungen der modernen Wissensgesellschaft schlecht gerüstet ist und ein Leben lang in seinem Heimatdorf leben will, der hat wirklich schlechte Karten und wird über kurz oder lang ein Fall für den Sozialstaat werden. Für viele Akademiker ist ständige Weiterbildung und hohe Flexibilität und Mobilität schon jetzt Standard.“
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