Bonn – „Ist Deutschland eine liberale Gesellschaft? Sind wir in der Lage, ohne gegenseitige Verunglimpfungen, ohne Hysterie und ohne moralische Appelle über wichtige Fragen unserer Zeit zu diskutieren? Beim derzeit heiß diskutierten Thema Demographie hat es bisweilen den Anschein, als könnten wir diesen Anspruch nicht erfüllen. Dabei sind die Fakten schon seit mindestens 30 Jahren bekannt. Deutschland schrumpft – und keinen schien es über Jahrzehnte ernstlich zu stören. Und auf einmal erscheinen Dutzende von Büchern und Tausende von Artikeln über dieses Problem“, schreibt Ansgar Lange in seinem Editorial in der Frühjahrsausgabe des Magazins NeueNachricht http://www.neue-nachricht.de.
In der Tat sei es in den vergangenen Wochen schwer gewesen, immer sachlich und objektiv zu bleiben. Es müsse einen mit Besorgnis erfüllen, wenn die rhetorischen Kampfhähne Gräben zwischen Menschen mit Kindern und Menschen ohne Kinder aufreißen. „Wem ist damit gedient?“, fragt Lange. „Keinem, nur denjenigen, die ihre eigene und vermeintlich ‚richtige’ Ideologie vom Leben unter die Leute bringen wollen.“
Wahrscheinlich könne man aus dem ganzen politischen und medialen Hickhack nur persönliche Lehren ziehen: „Den staatlichen Versprechungen in puncto Rente sollte jeder mit starkem Misstrauen begegnen und selber Vorsorge treffen. Diejenigen, die uns vor ein paar Jahren oder auch heute noch ‚sichere Renten’ versprechen, werden in 30 oder 40 Jahren nicht mehr unter uns sein, wenn die Generation der um 1970 geborenen Deutschen in den Ruhestand geht. Wenn das so ist, muss der Staat sich weiter aus dem Leben der Bürger zurückziehen und ihnen die Möglichkeit geben, Geld auf die hohe Kante zu legen und auch zur Not so lange zu arbeiten, wie sie es denn wünschen.“
Mit Vorsicht sollte man jedoch auch den Wanderpredigern und Handelsreisenden in Sachen Demographie begegnen, die uns mit ständigen Verweisen auf die Dekadenz der Kinderlosen, auf die unsichere Rente oder irgendwelche gottgewollten Familienordnungen nicht überzeugen, sondern eher überreden und überrumpeln wollten. Der Staat habe sich aus dem Leben seiner Bürger völlig herauszuhalten. Er müsse sich auf die Rahmenbedingungen beschränken. Und hier scheine einiges im Argen zu liegen, da in Deutschland überdurchschnittlich viel in so genannte „Familienpolitik“ investiert werde. Das Resultat sei zwar nicht gleich null, aber die nötige „Reproduktionsrate“ hätten wir immer noch nicht erreicht. „Trotz rund 100 Milliarden Euro pro Jahr. Und trotz eines für viele Bürger wie Hohn erscheinende Dauergrinsens der zuständigen Ministerin, die ein Familienbild vorlebt und gern in die Medien trägt, wie es sich die meisten Frauen und Männer in diesem Land einfach gar nicht leisten können“, so der Bonner Publizist.
Lange schließt mit einer Art positiven Utopie oder Vision: „In einigen Jahren werden keine geburtenstarken Jahrgänge mehr auf den Arbeitsmarkt drängen. Dann werden junge Menschen wieder mehr Arbeit haben. Ihre Jobs werden nicht mehr so unsicher und zeitlich befristet sein wie heute. Sie werden dann – horribile dictu – mehr ‚Planungssicherheit’ haben. Und dann werden die Menschen auch wieder ruhiger und weniger hysterisch sein. Kinder sollte man bekommen, weil man sich nach ihnen sehnt. Sie sollten sich natürlich einstellen. Oder glauben die ‚Familienideologen’ wirklich, dass der Taschenrechner, mit dem man die finanziellen Leistungen des Staates für Eltern berechnet, die Libido anregt? Oder dass ein Paar auf die Verhütung verzichtet, weil Deutschland nicht aussterben darf und die Rente unsicher ist? Solche Ideen sind viel zu verkopft. Und mit dem Kopf zeugt man keine neuen Kinder.“
Das Magazin NeueNachricht erscheint vierteljährlich. Das Einzelheft kostet 8,20 Euro. Bestellungen per Fax unter: 0228 – 620 44 75 oder E-Mail: baerbel.goddon@sohn.de. Redaktionen erhalten Besprechungsexemplare kostenlos.
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