Die größte Umwälzung muss in den Köpfen der Menschen erfolgen
Sindelfingen/Berlin, April 2011 - Die Abwrackprämie ist den meisten Deutschen noch in guter oder auch unguter Erinnerung. Und schon wieder fordert die hiesige Automobilindustrie Milliardensubventionen. Am 11. Mai 2011 übergibt die Nationale Plattform Elektromobilität (NPE) ihren zweiten Bericht der Bundeskanzlerin. Nach Darstellung der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) http://www.faz.net, der der Entwurf dieses Schriftstücks vorliegt, heißt die klare Ansage an die Bundesregierung: "Für mehr Elektroautos auf den Straßen braucht die Industrie mehr Geld aus der Staatskasse - viel mehr Geld". Ohne Milliardensubventionen, so die Argumentation der deutschen Autoindustrie, könne das Ziel der Bundesregierung, bis 2020 eine Million Elektroautos auf die Straße zu bringen, nicht erzielt werden. Fließe das Geld nicht, könne zudem der Abstand der deutschen Autoindustrie gegenüber der Konkurrenz aus Japan, Frankreich und den USA nicht abgebaut werden.
Uwe Röhrig, Ex-Vertriebschef von Mercedes-Benz und heute Inhaber des Automotive Beraterteams International Consulting Concepts (ICC) in Berlin http://www.icconcept.de, hält die Forderung nach staatlichen Subventionen für unangemessen: "Ich halte diese Forderung für geradezu lächerlich. Zum einen werden die von der Autoindustrie erzielten Gewinne nicht vollumfänglich in Forschung und Entwicklung gesteckt, sondern Kapitaleigner und Management werden zunächst bedient. Zum anderen ist seit der Erfindung des Automobils beziehungsweise des Verbrennungsmotors in Richtung alternativer Antriebe für den Serienbau schlicht nichts geschehen. Es kann nicht sein, dass man jetzt nach der Ausschüttung des staatlichen Füllhorns ruft, obwohl man in Deutschland technische Entwicklungen in den letzten Jahren komplett verschlafen hat".
Röhrig hält es aber nicht für ausgeschlossen, dass Deutschland zu einem Leitanbieter für Elektromobilität werden könnte. Dafür müssten allerdings verschiedene Voraussetzungen geschaffen werde: "Ohne globale Kooperationen geht nichts. Industrie und Politik müssen in dieser Frage eng zusammenrücken. Allerdings will ich meine Skepsis nicht völlig ablegen. Schließlich denkt die Wirtschaft oft nur in Kategorien des Profits, während die Politik sich kurzatmig von Legislaturperiode zu Legislaturperiode hangelt." Kunde und Markt seien bereits jetzt aufnahmefähig für alternative Antriebe an Stelle des "geliebten Verbrennungsmotors" - allerdings bedürfte es dazu eines brauch- und bezahlbaren Angebots.
Michael Zondler, Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Centomo http://www.centomo.de aus Sindelfingen, plädiert für einen durchdachten und behutsamen Übergang zur Elektromobilität: "Eine überstürzte Einführung würde viele Arbeitsplätze in der Automobilindustrie vernichten. Dies kann nicht im Interesse von Politik und Wirtschaft und schon gar nicht der Menschen in diesem Land sein. Wie wichtig die Autoindustrie für unser Land ist, bekomme ich an unserem Unternehmensstandort im Autoland Baden-Württemberg täglich hautnah mit. Das Ziel der Bundesregierung, bis 2020 rund eine Millionen E-Fahrzeuge auf deutschen Straßen rollen zu lassen, halte ich für sehr ambitioniert. E-Mobility ist letztendlich nichts anderes als Mobilität 2.0. Wir werden neue Fahrzeuge bauen, die der Konsument mit dem jetzigen Standard vergleicht. Das ist die brutale Herausforderung für Wirtschaft und Politik - ein neues Produkt und ein völlig neues Konzept gleichzeitig einzuführen. Das Neue, so ist man es gewohnt, soll ja bestehende Ansprüche nicht nur erfüllen, sondern übertreffen! Bisher wurde Bestehendes ständig weiterentwickelt und verbessert, aber nicht grundlegend verändert! Die allergrößte Umwälzung wird meiner Ansicht nach in den Köpfen der Menschen erfolgen. Gängige Verhaltens- und Gebrauchsmuster müssen sich radikal ändern." Zondler gibt sich optimistisch: "Unsere Chancen, zu einem Leitanbieter zu werden, sehe ich hervorragend. Und das nicht nur, weil wir das Auto erfunden haben, generell autoverrückt sind und als einziges Land ohne Tempolimit rasen ... Die deutsche Industrie ist einmalig in ihrer Vielfältigkeit und Innovationskraft. Für E-Mobility benötigen Sie Autohersteller, Versorger und Hightech Zulieferer in einem Boot. Dazu den politischen Konsens und eine Gesellschaft, die "grünen" und innovativen Themen sehr aufgeschlossen ist. All das ist gegeben."
Der Vorsitzende des Bundesverbandes Solare Mobilität (BSM) http://www.solarmobil.de, Thomic Ruschmeyer, ist der Ansicht, dass die Elektromobilität die Integrationsfähigkeit erneuerbarer Energien generell verbessere. Elektrische Antriebe seien in hohem Maße effizient. Deshalb bringe auch ein großer Anteil an Elektrofahrzeugen keinen deutlichen Anstieg der Stromnachfrage mit sich: "Auf eine Million Elektroautos entfallen mit 1,5 Terawattstunden gerade mal 0,3 Prozent des gesamten Stromverbrauchs." (Ansgar Lange)
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