Hamburg/Düsseldorf - Eine Selbstmordserie erschüttert das Hightech-Land Südkorea. Das berichtet das Wochenmagazin „Der Spiegel“ http://www.spiegel.de. Hetze im Netz habe die Opfer in den Tod getrieben. Eine Online-Polizei soll für mehr Anstand sorgen. Aufgerüttelt wurde die Öffentlichkeit durch den Tod der Schauspielerin Choi Jin Sil. „Die Julia Roberts Südkoreas, zweifache Mutter, der zauberhafte TV-Liebling der vergangenen 20 Jahre - in den Selbstmord getrieben von einem irrlichternden Online-Lynchmob“, schreibt der Spiegel.
Die konservative Regierung wolle nun ein "Choi-Jin-Sil-Gesetz" verabschieden, um ähnlichen Cyber-Attacken fortan Einhalt zu gebieten. „Doch der Preis ist hoch: Die Meinungsfreiheit im Internet steht auf dem Spiel. Anonymität soll es nicht mehr geben, es wird Anstand verordnet. Eine Online-Polizei soll patrouillieren, Zensur wird herrschen - manch einer fühlt sich an China erinnert“, führt der Spiegel aus. Südkorea rühmte sich bisher, eines der bestverkabelten Länder der Welt zu sein. „Fast alle Haushalte haben Zugang zu einer schnellen Internet-Leitung, unter den Jüngeren unterhält nahezu jeder eine eigene Homepage. Abertausende Internet-Cafés übersäen das Land, überall sprießen junge, kreative Firmen im Netz. Visionäre glaubten sich bereits im Zeitalter der Internet-Demokratie, in der offener Online-Diskurs für alle herrscht. Edle Netzbürger, die ‚netizens’, sollten diese Cyber-Gesellschaft beseelen, Transparenz schaffen und Wahrheit finden - doch stattdessen quillt die Digitalwelt nun über vom Dreck der Gosse“, so der Spiegel.
Der Umgang mit modernster Kommunikationstechnik mache noch lange keine moderne Gesellschaft. In Südkorea bewege sich das Internet auf dem Niveau einer Klowand, bemängeln Politiker. Das Land der konfuzianischen Zurückhaltung lasse online die Sau raus. „Im Schutz vermeintlicher Anonymität verwandeln sich Kinder, Hausfrauen und Büromenschen in Stalker, Gerüchteerfinder und Rufmörder. Aus Neid, Frust und Langeweile wird Cyber-Terror. Aus dem demokratischsten aller Medien wird ein Folterinstrument“, berichtet der Spiegel.
Es wäre allerdings falsch, so der Internet-Experte Udo Nadolski, mit staatlichen Online-Schnüffeleien zu reagieren und Zensurregeln einzuführen, wie es die südkoreanische Regierung plant: „Das wäre der erste Schritt in die Unfreiheit. Da das Internet ein öffentliches Medium ist, sollten aber die gleichen Regeln gelten wie bei den traditionellen Medien. Die Verlage sind juristisch verantwortlich für die Verlautbarungen ihrer Redakteure. Gleiches muss auch für die Portalbetreiber gelten“, fordert Nadolski, Chef des Düsseldorfer Beratungshauses Harvey Nash http://www.harveynash.com/de/. Der Silicon Valley-Unternehmer Andrew Keen http://andrewkeen.typepad.com sieht das genauso. „Solange die Betreiber von Websites und Blogs nicht für deren Inhalte zur Rechenschaft gezogen werden können, haben sie kaum einen Anreiz, die Informationen, die bei ihnen ins Netz gestellt werden, zu hinterfragen oder zu bewerten“, sagt Keen, Autor des kürzlich veröffentlichten Buches „Die Stunde der Stümper – Wie wir im Internet unsere Kultur zerstören“ (Hanser Verlag). Im Web könnten sich Falschinformationen, selbst wenn sie nur aus einer einzigen Quelle stammen, mit furchterregender Geschwindigkeit verbreiten. Das Internet sei mit falschen Identitäten gesättigt: mit falschen Bloggern, falschen Profilen auf MySpace, falschen Starlets auf YouTube, falschen E-Mail-Adressen und mit falschen Rezensenten auf Sites wie Amazon, von denen einige eindeutig einen persönlichen Rachfeldzug führten.
Die Anonymität sei der Humus für Meinungswillkür, so Wolf Lotter, Redakteur von brand eins http://www.brandeins.de. „Derlei ist nicht schützenswert, sondern gefährlich. Anonymität fördert die Feigheit und stützt alle jene, die gegen eine offene Gesellschaft sind. Eine offene Gesellschaft erträgt unterschiedliche Meinungen und Positionen. Feigheit aber ist die Vorhut der Tyrannen, sie ist ihre stärkste Legion“, sagt Lotter. Große Portalanbieter dürfen es den Netz-Hetzern nicht zu einfach machen, fordert Harvey Nash-Manager Nadolski: „Wer sich registriert, muss seine wahre Identität nachweisen. Das ist bei Online-Geschäften eine ganz normale Sache und sollte auch für die Web 2.0-Welt gelten. Dann ist zumindest ein erster Schritt für mehr Offenheit getan. Man bekommt das Problem nie vollständig in den Griff. Es gibt im Cyberspace einfach zu viele Möglichkeiten, sich zu verstecken.“
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