– Entscheider sollten Schumpeter und nicht Keynes lesen
Hamburg/München - Die Wirtschaftsgeschichte ist gepflastert mit den Leichen einst stolzer Konzerne, die das Mitziehen bei neuen Technologiewellen nicht schafften. „Wirtschaftstheoretiker bezeichnen radikale Technologien wie das Internet, die die Spielregeln grundlegend verändern, gern als ‚disruptiv’: Und derzeit erleben gleich mehrere Branchen eine kräftige Disruption, allen voran die Medienindustrie, deren Geschäftsmodelle an allen Fronten bröckeln. Es ist ja nun nicht so, dass man diese Veränderungen nicht kommen sah. Das Web als Massenmedium ist bald 15 Jahre alt, da wäre reichlich Zeit für neue Strategien gewesen. Woran liegt es, dass hochbezahlte Topmanager es offensichtlich schlicht verpasst haben, auf diese neue Welle adäquat zu reagieren“, fragt sich netzwertig-Blogger Andreas Göldi http://netzwertig.com/2009/07/01/innovationspsychologie-warum-der-umgang-mit-disruptionen-so-schwierig-ist/.
Es sei für viele Entscheider wohl schwierig, nichtlineare Entwicklungen vorherzusagen. „Wir sind programmiert auf Phänomene der physischen Welt, wo eine lineare Bewegung viel typischer ist. Und darum tendieren wir unbewusst dazu, alle aktuellen Ereignisse linear zu extrapolieren, was fast immer zu falschen Prognosen führt. Beispiel: 1993 sah das Internet aus wie ein unbedeutendes Nischenphänomen, das nur langsam wuchs und das man darum als Großkonzern weitgehend ignorieren konnte. 1999 hingegen, zum Höhepunkt des Dot-Com-Booms, glaubten selbst gestandene Manager an endloses Wachstum für E-Business“, so Göldi. Beide Perspektiven erwiesen sich als Irrtum.
„Disruptionen sind Phasenübergänge, die auch in der Natur zu aufregenden Veränderungen führen. Sie sind überdies oft Kinder chaotischer Entwicklungen. Nichtlineare Systeme beherrschen die Welt. Vor 100 Jahren war die Welt der Physiker in Aufruhr, da die stabile, lineare Welt zusammenbrach und Zufall, Nichtlinearität sowie Chaos in die Gedankenwelt einbrach. ‚Gott würfelt nicht’ soll Einstein gesagt haben – Zeit seines Lebens kein Freund dieser Wahrscheinlichkeitstheorie der Physik. Und heute erleben wir das schon längst in der Makroökonomie: Wirtschaftskrisen, unerwartete Chancen und die Unfähigkeit der Vorhersage sind nichts weiter als ein Indiz für die chaotische, nicht-lineare Entwicklung unserer Ökonomie. Manager, Politiker und Wissenschaftler sind ein Teil des Zufalls und des Chaos. Leider glauben allzu viele dieser Spezies an den Determinismus und die Planungsillusion“, moniert Andreas Rebetzky, Sprecher des cioforums http://www.cioforum.de in München und CIO des Technologiespezialisten Bizerba http://www.bizerba.de/de.
Wer die Welt nur in Aggregatzuständen betrachte, verliert die wesentlichen Quellen wirtschaftlicher Kreativität und technologischer Entwicklungssprünge aus dem Auge. „Das ist das Manko von Planungsfetischisten und Makroökonomen. Sie unterschätzen die tiefgreifende wirtschaftliche und gesellschaftliche Rolle von unvorhersehbaren Innovationen, die alles durcheinander würfeln und Technologien sowie Geschäftsmethoden revolutionieren. Wirtschaftspolitiker und Ökonomen sollten daher weniger in der General Theory von John Maynard Keynes nach Antworten auf die Krise suchen, sondern sich eher mit dem Werk von Joseph A. Schumpeter beschäftigen“, rät Rebetzky.
Doch der kreative Zerstörer passe den Stabilitätspredigern nicht in den Kram. Wer Ordnung schaffen wolle, sei häufig ein Scharlatan und Blender. Wohin das politisch führen kann, analysiert Wolf Lotter in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift brand eins mit dem Schwerpunktthema „Bewegt Euch“ http://www.brandeins.de/home/inhalt_detail.asp?id=3045&MenuID=8&MagID=115&sid=su79254811066516071&umenuid=1: Die hübsche Idee, Angebot und Nachfrage stets optimal auszugleichen, führte zur Planwirtschaft, dem Inbegriff des Ordnungswahns in Wirtschaft und Gesellschaft. Die staatlich verordnete Planungswirtschaft war nach dem Ersten Weltkrieg ein Star, und sie beeinflusste Intellektuelle und Wissenschaftler ihrer Zeit.
„Einer davon war der britische Ökonom John Maynard Keynes, in dessen Namen heute die Staaten nach einer neuen Stabilität suchen“, schreibt Lotter. Er sei zwar kein politischer Fanatiker gewesen. „Aber er war, wie die meisten geistigen Führungskräfte seiner Zeit, begeistert von den Erfolgen, die sich durch das brutale Eingreifen des Staates in die Wirtschaft in jenen Staaten zeigten, die sich der Planwirtschaft verschrieben hatten. Das war eben nicht nur die Sowjetunion. Keynes' Bewunderung galt auch den anfänglichen Erfolgen der italienischen Faschisten und, zumindest ein Weilchen, jenen der Nationalsozialisten ab 1933. Damit stand Keynes, wie gesagt, nicht allein - was aber nicht entschuldigt, dass bis heute eine große Zahl von Leuten den Preis der ‚Stabilitätspolitik’, die in diesen Jahren zum Allheilmittel gegen alle Formen von Krisen hochgejubelt wurde, geflissentlich übersehen. Dass die ‚Stabilität’ der Diktaturen auf grenzenlose Verschuldung, Ausbeutung, letztlich auf koloniale Aggression und Krieg hinausliefen, gibt dem wohl berühmtesten Satz des John Maynard Keynes eine neue Bedeutung: ‚Auf lange Sicht sind wir alle tot’“.
Vorwort zur 1936 erschienenen deutschen Ausgabe seines Hauptwerks, "The General Theory of Employment, Interest and Money", schreibt Keynes, dass seine Theorie „viel leichter den Verhältnissen eines totalen Staates angepasst werden" könnte als eine „unter Bedingungen des freien Wettbewerbes und eines großen Maßes von laissez-faire erstellte Produktion. Das ist einer der Gründe, die es rechtfertigen, dass ich meine Theorie eine allgemeine Theorie nenne." Politiker, die Keynes wieder empfehlen würden, reden also einer „Stabilitätstheorie" das Wort, die gut zur Tyrannei passt, weil sie dafür verfasst wurde. In der "Allgemeinen Theorie" mache Keynes klar, so Lotter, dass die staatliche Gewaltanstrengung zur Stabilitätssicherung immer nur kurzfristig nützlich ist, nie aber als festgeschriebene, langfristige Regel: Staatsinterventionismus sei eine Feuerwehr, keine permanente Spritzentour.
„Thomas Perry, Partner der Mannheimer Q Agentur http://www.q-agentur.de für Forschung, weiß das. Lange Jahre berechnete er für Marktforschungsinstitute wie Sinusvision die möglichen Entwicklungen von morgen. Das sind die Grunddaten für alle Aktionen, mit denen heute das künftige Gleichgewicht gesichert werden soll. Perrys Schlussfolgerung: ‚Wir reden alle über Dinge, die wir nicht kennen können. Es herrscht ein hoher Aktionismus, der immer wieder nach Lösungen ruft. Lösungen für Probleme, die wir aber nicht kennen, weil die Sachlage viel zu komplex ist. Die eigentliche Krise, in der wir uns befinden, ist: Wir suchen nach Lösungen statt nach Bedingungen.’ Bedingungen, das heißt so viel wie sich in Ruhe und mit Sorgfalt klarmachen, in welcher Welt wir leben. Man könnte auch sagen: Es fehlt das Bewusstsein für die Zeiten, in denen wir leben. Hektik und Aktionismus führen nicht zum Gleichgewicht“, meint Lotter. Perry empfiehlt den Führungskräften, den Ordnungshütern, mehr Demut: „Wir brauchen mehr Gelassenheit und den Mut zur Einsicht, dass unsere Wirtschaft und Gesellschaft sich in einer Metamorphose befindet. Das heißt nicht, nichts zu tun, aber sich endlich mal zu fragen, ob das, was man tut, auch Sinn macht.“
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