Wissenschaftsjournalist Edgar Gärtner warnt vor den Gefahren des Öko-Nihilismus
Von Gunnar Sohn
Frankfurt am Main - Der Frankfurter Wissenschaftsjournalist Edgar Gärtner hat ein überraschendes Ökologiebuch geschrieben. Überraschend deshalb, weil es, obzwar von einem studierten und engagierten Ökologen geschrieben, eher philosophisch, wissenschaftssoziologisch, ökonomisch, demokratietheoretisch und streckenweise sogar theologisch argumentiert. Gärtner kennt als vom Katholizismus, aber auch von der 68er Revolte geprägter Endfünfziger viele der heutigen Umwelt-Aktivisten unbekannte Hintergründe und Details der Geschichte der internationalen Umweltpolitik. Dabei wird deutlich, dass der beinahe zeitgleiche Start der neuen Politik in allen führenden Industriestaaten keine Frucht einer irgendwie gearteten Verschwörung, sondern Ergebnis der Nachahmung eines zuerst in den USA unter dem damaligen Präsidenten Richard Nixon erfolgreich erprobten Politikmodells war.
Wie Gärtner schreibt, wurde die Umweltpolitik in den 70er und 80er Jahren zum erfolgreichsten Politikfeld überhaupt. Aber gerade ihre eindrucksvollen Erfolge bei der Reinhaltung der Gewässer und der Luft lockten die Umweltpolitik in die Falle des Populismus, in eine von Katastrophenangst und Hysterie getriebene mentale und tendenziell auch ökonomische Abwärtsspirale. Mit anderen Worten: Als die Bekämpfung konkreter, messbarer Belastungen von Wasser und Luft bereits große Fortschritte gemacht hatte und die Umweltpolitik somit dabei war, sich selbst überflüssig zu machen, begannen sich Politiker um ungelegte Eier zu kümmern, indem sie sich im Namen des „Vorsorgeprinzips“ der vorgeblichen Bekämpfung hypothetischer Zukunftsprobleme wie dem als Bedrohung empfundenen oder hingestellten Klimawandel zuwandten. Nur so glaubten sie, sich weiter auf der Erfolgsschiene bewegen zu können.
Gärtner zeigt, dass die dem „Vorsorgeprinzip“ zugrunde liegende Denkfigur des Alles oder Nichts ein Kind des Kalten Krieges zwischen dem mehr oder weniger marktwirtschaftlich verfassten Westen und der Befehlswirtschaft des Ostens ist. Es ließen sich damit Investitionen rechtfertigen, die sich, rein ökonomisch gesehen, bei weitem nicht rechneten. Werde diese Logik jedoch auf hypothetische Gefahren angewandt, drohe das Abgleiten in den Nihilismus, mahnt Gärtner.
Nihilist sein heißt, irgend etwas für wichtiger zu erachten als das menschliche Leben in Freiheit und Würde. Aktuelle Musterbeispiele dafür sind ohne Frage islamistische Selbstmord-Attentäter. Weniger offenkundig ist die nihilistische Tendenz bei vielen „Klimaschützern“ und Weltverbesserern. Doch auch sie stellen, wie Gärtner nachweist, nicht selten fragwürdige Ziele wie den Schutz des schwer definierbaren „Weltklimas“ durch eine drastische Drosselung des Ausstoßes des angeblichen „Klimakillers“ Kohlendioxid. Sie nehmen dabei, so Gärtner, nicht nur in Kauf, dass die Armen infolge der Verteuerung von Nahrung und Energie noch ärmer werden, sondern verschlechtern auch allgemein die Voraussetzungen für den Fortgang technischer Innovationen und das Wirtschaftswachstum.
Noch boomt die deutsche Wirtschaft. Noch sind Strom und Treibstoffe für die meisten einigermaßen erschwinglich. Aber wenn das von der Bundesregierung bereits beschlossene Programm einer 40-prozentigen Kohlendioxid-Einsparung bis zum Jahre 2020 umgesetzt wird, könnte das ganz anders aussehen, mahnt Gärtner. Er legt dar, warum der „Klimaschutz“ zur letzten Bastion derer wurde, die auch im Zeitalter der Raumfahrt, der Globalisierung der Märkte und des Internets an der Fiktion einer geschlossenen Welt festhalten und Politik weiterhin im Sinne einer paternalistischen und protektionistischen Hauswirtschaft betreiben wollen. Doch eine Welt, in der für Glaubensfreiheit und individuelle Verantwortung kein Platz ist, sei weder erstrebenswert noch genüge sie dem Anspruch der Nachhaltigkeit, betont Gärtner.
In seiner Kritik des Nihilismus folgt Gärtner weitgehend den Argumenten des 1960 verstorbenen französischen Literaturnobelpreisträgers Albert Camus, lässt aber auch seine katholische Herkunft durchschimmern. Diese zeigt sich in dem das ganze Buch prägenden Vertrauen in die menschliche Intelligenz und in der Überzeugung, dass der gesunde Menschenverstand, selbst wenn er mit Brachialgewalt vor die Tür gesetzt wurde, sich letztlich durch die Hintertür doch wieder Zugang zum „Oikos“ verschafft und die Menschen daran erinnert, dass sie in einer offenen Welt leben.
Edgar L. Gärtner: Öko-Nihilismus. Eine Kritik der Politischen Ökologie. CFACT Europe, TvR Medienverlag, 2007. ISBN 978-3-00-020598-9. 284 Seiten. Preis Euro 24,50
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