Das Erfolgsmodell Soziale Marktwirtschaft und die ökonomische Bildung der deutschen Schüler
Bonn - Die Debatte ist nicht neu. Schon seit Jahren steht der Vorwurf im (Klassen-)Raum, die Schule betreibe eine wirtschaftsfeindliche Indoktrinierung oder versäume es völlig, die Mädchen und Jungen über ökonomische Sachverhalte zu informieren. Deutschland leistet sich eine „Schule der Anti-Kapitalisten“. Im Vordergrund des Unterrichts stünden Werturteile über „böse Manager“ und „ungerechte Löhne“, meinen zumindest Kritiker. Eine Studie der Initiative Juniorprojekt http://www.juniorprojekt.de wollte beispielsweise wissen, wie Wirtschaft und Unternehmen in nordrhein-westfälischen Schulbüchern vorkommen. Unternehmer, so ein Ergebnis der Untersuchung, werden nicht mit dem Schaffen von Arbeitsplätzen, sondern mit Kinderarbeit, Müllbergen, Internet-Sucht und Alkoholismus assoziiert.
„Schon seit langem gibt es Vorurteile und Stereotypen. Alle Pädagogen seien links oder verkappte 68er. Die Wirtschaft habe sich gefälligst aus dem Unterricht herauszuhalten. Die Schule sei nur ein verlängerter Arm der Unternehmen und habe die Schüler auf die spätere Erwerbstätigkeit vorzubereiten. Man könnte viele weitere Klischees finden, die letztlich nicht weiterhelfen. Doch eins ist klar: Wenn die deutschen Schüler nur rudimentäre oder einseitige Kenntnisse des nationalen und internationalen Wirtschaftssystems vermittelt bekämen, dann wäre das schlecht für die Schüler wie für die Wirtschaft“, schreibt Chefredakteur Ansgar Lange in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift NeueNachricht http://www.neue-nachricht.de und lässt Pro und Contra zu Wort kommen. Die Debatte über die Wirtschaftsfreundlichkeit oder –feindlichkeit der Schule entzündet sich immer wieder an der Machart von Schulbüchern, wobei die Kritiker oft übersehen, dass die Lehrpläne nicht von den Verlagen, sondern von Bildungspolitikern erstellt werden.
Zahlreiche Pädagogen sind mittlerweile der Ansicht, dass ökonomisches Wissen nicht allein durch Frontalunterricht oder andere Formen der schulischen Praxis vermittelt werden kann. Aus pädagogische Sicht sei die spielerische Vermittlung von ökonomischem Wissen nur zu begrüßen, betont Martin Teuber, der an einem Gymnasium in Moers unterrichtet. Ein Wirtschaftsspiel der Sparkassen erfreue sich bereits seit Jahren großer Beliebtheit unter den Schülern: „Dass solche Simulationsspiele gut und wichtig sind, steht außer Frage. Nur in einem solchen Kontext können Schüler Handlungskompetenz erlangen. Das ist aber keine neue Erkenntnis, sondern wurde schon von vielen Pädagogen vergangener Jahrhunderte als wichtiger Beitrag zum Lernen angesehen.“
Trotz gelungener Beispiele aus der Praxis kochen manche Bildungspolitiker und Hochschulvertreter immer wieder ihr abgestandenes ideologisches Süppchen und warnen vor einer „Ökonomisierung der Bildung“. „Aber die Universität als ‚Institutionalisierung der kognitiven Realität’ besteht heute nicht mehr – wie zu Zeiten Humboldts – nur aus Literatur, Ästhetik und Gymnastik, und auch die Schule kann nicht im luftleeren Raum arbeiten“, so Hans-Peter Klös vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) http://www.iw-koeln.de in Köln. Bereits vor einiger Zeit hat Klös darauf hingewiesen, dass es eine Zersplitterung wirtschaftlicher Themen in den Lehrplänen der Bundesländer gebe. Zudem beklagten viele Pädagogen die Stoffülle der Lehrpläne und einen Aktualitätsrückstand der eingesetzten Lehrmaterialien. Realbegegnungen, also etwa Schülerbetriebspraktika und Betriebserkundungen seien noch nicht überall an der Tagesordnung. Ein gravierendes Problem: Der Unterricht in wirtschaftsrelevanten Fächern werde häufig von fachfremden Lehrern erteilt.
„Dass es mit der ökonomischen Bildung im allgemeinbildenden Schulsystem nicht zum besten bestellt ist, zeigt schließlich auch die Fülle von Initiativen, welche die Wirtschaft ergreift, um berufswahlvorbereitend und ökonomisch bildend aktiv zu werden“, meint Klös. Ökonomische Bildung, so seine Forderung, müsse messbar und prinzipiell international vergleichbar sein. Sie könne trainiert werden und führe zu höheren Einkommen. Ein eigenes Fach Ökonomie oder zumindest ein eigenes Curriculum würde es ohne Zweifel erleichtern, die vermittelten Kenntnisse einer Bewertung zu unterziehen, argumentiert das IW.
Eine eingleisige Debatte für oder gegen ein eigenständiges Fach Wirtschaft führt sicher in die Irre, sagen auch die Bildungsexperten der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) http://www.kas.de. Praktika und Projekte wie die Einrichtung von Juniorfirmen sind genauso wichtig wie die Vernetzung ökonomischer Inhalte in den Bildungsplänen. Hans Kaminski, Leiter des Instituts für Ökonomische Bildung an der Universität Oldenburg, hat für die unionsnahe Stiftung ein Kerncurriculum Ökonomische Bildung erarbeitet. Er versteht diese Art der Bildung nicht im Sinne einer vorweggenommenen Berufsausbildung, sondern als einen integralen Bestandteil von Allgemeinbildung. Eine marktwirtschaftliche Ordnung, im Fall der Bundesrepublik das „Erfolgsmodell Soziale Marktwirtschaft“.
Lange resümiert: „Im Mittelpunkt dieser Ordnung steht der Mensch mit seiner individuellen Freiheit. Und die Vermittlung von wirtschaftlichen Zusammenhängen hängt nicht zuletzt von Menschen ab. Es kommt also darauf an, ob Lehrer mit Begeisterung tätig sind. An den Gymnasien gibt es in der Regel keine für den Bereich Wirtschaft qualifizierten Lehrkräfte, sondern nur Lehrkräfte mit einer Teilqualifikation für Wirtschaft. Doch die Reputation eines Faches hängt stark von der Reputation derjenigen abhängig, die das Fach unterrichten. Neben Weiterbildungsmaßnahmen müssen vor allem grundständige Studienangebote zur Verfügung gestellt werden. Außerdem eröffnen die neuen Informations- und Kommunikationstechnologien die Möglichkeit zur Etablierung internetbasierter Studiengänge zur ökonomischen Bildung. Normalität ist erst dann eingekehrt, wenn in der taz oder der Frankfurter Rundschau ein polemischer Essay zu lesen ist, der vor der ‚Schule der Neoliberalen’ warnt. Doch bis dahin ist noch ein wenig Zeit.“
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