Bonn/Frankfurt am Main - The same procedure as every year – am 10. Oktober beginnt wieder einmal die Frankfurter Buchmesse. „Rund eine Viertelmillion Besucher werden, vielleicht nicht ganz so alkoholisiert wie Butler James in Dinner for one, aber dafür ähnlich betäubt durch den immensen Herdenauftrieb an Autoren, Journalisten, Buchhändlern, Verlegern und ganz gewöhnlichen Buch-Abstaubern durch die Gassen in den riesigen Hallen irren. Ist das alles noch zeitgemäß? Macht es in den Zeiten des Internets überhaupt noch Sinn, eine solche Mega-Show zu inszenieren? Oder täte es dem stillen Medium Buch nicht besser, mehr im Verborgenen zu wirken?“, schreibt Herausgeber und Chefredakteur Michael Ludwig in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Gegengift http://www.gegengift-verlag.de. Er fragte bei seinen Autoren nach und gab für die Antworten die Zeile vor: Die Buchmesse ist...
Hadayatullah Hübsch (ehemals Kommune 1, heute Schriftsteller und Publizist mit islamischem Hintergrund), hält die Buchmesse für einen „Tanz der Vampire, der in einer Gockel-Glucken-Käfighaltungplantage stattfindet, nach strengen Popanz-Regeln, während das herbeistreunende Publikum auf den Rollstraßen zwischen den Ständen träge den Gang der Dinge abwartet, wobei es aus Konfettikanonen mit Prospekten beschmissen wird“.
Der 1931 geborene freie Schriftsteller und Publizist Richard Christ, zwischen 1970 und 1993 fester Mitarbeiter der Weltbühne in Ost-Berlin, verweist auf andere Buchmessen: „Vielleicht liegt die Zukunft einer Buchmesse mehr im Leipziger als im Frankfurter Typ, dort hat man sich in den letzten Jahren auf eine Lese-Messe umgestellt zur Propagierung von Literatur und neuer Autoren, wobei das Buch als Ware eher zurücktritt. Meine Eindrücke von anderen Buchmessen sind schwer auf einen Nenner zu bringen. Die größte Südasiens in New Delhi zum Beispiel vermittelt zwischen einem Dutzend und mehr Nationalliteraturen in unterschiedlichen Sprachen und einem ebenfalls multilingualen, zum Teil sogar leseunkundigen Publikum, ist also mit Frankfurt schwer zu vergleichen. Oder die größte Buchmesse auf dem afrikanischen Kontinent, in Kairo – teils Basar, teils planvolle Propaganda islamischen Ideenguts. Auch Warschau hatte einmal eine Buchmesse, ebenso Moskau (die älteste Buchmesse der Welt in Leipzig fand früher zweimal jährlich statt, eine wurde nach dem Krieg dem sowjetischen Buchhandel geopfert) – ich weiß nicht, was aus den osteuropäischen Buchmessen geworden ist. Zu Frankfurt: würde diese inzwischen weltgrößte Buchmesse abgeschafft – wo fänden Autoren und Verleger und Kritiker ein adäquates Feld für ihre Eitelkeiten und Narreteien? Frankfurt ist als Bühne für literarische und pseudoliterarische Selbstdarsteller unverzichtbar, auch das ist eine Bestandsgarantie …“
Außerdem hat Gegengift den Welt am Sonntag-Redakteur Heimo Schwilk um eine Stellungnahme gebeten. Schwilk hat unlängst im Piper-Verlag eine glänzende Biographie Ernst Jüngers vorgelegt http://www.piper-verlag.de/sachbuch/buch.php?id=12066&page=suche&auswahl=a&pagenum=1&page=buchaz. Die Buchmesse sei, so Schwilk, „eine irrsinnige Anhäufung von sinnlos bedrucktem Papier, aufgeblasenen PR-Menschen, eitlen Autoren und schwachsinnigen Möchtegern-Lesern, die gaffen statt zu lesen, konsumieren statt zu denken. Nie würde ich mich freiwillig durch die Massen transpirierender, um Autogramme dämlicher TV-Größen buhlender, dumpf glotzender Massen zwängen, mich in ein völlig überfülltes Hotel einbuchen, mit dem Wagen stundenlang um das Messegelände kreisen, um am Ende einen absurd überteuerten Parkplatz gefunden zu haben – wenn, ja wenn ich nicht selbst nach zehn Jahren grauenvoller Nachtarbeit plötzlich die Chance erhalten hätte, den schwachsinnigen Möchtegern-Lesern, aufgeblasenen PR-Menschen und senilen Buch-Rezensenten ein eigenes, überaus geistreiches Elaborat anbieten zu können. Für eine Woche ist Frankfurt am Main nun der Nabel der Welt, ein Mekka des Geistes und er-lesener Kultur, wie geschaffen als Bühne für das Buchereignis des Jahres: Ernst Jünger – ein Jahrhundertleben, die Biografie des Herbstes, das Buch meines Lebens, nach dessen Erscheinen alles so sein wird wie früher: Eine irrsinnige Anhäufung von sinnlos bedrucktem Papier, aufgeblasenen PR-Menschen, schwachsinnigen Lesern – und eitlen Autoren...“
Der Bonner Kommunikationsberater und Journalist Ansgar Lange hält das Frankfurter Lese-Event für „ein unvermeidliches Ereignis“, das er aber noch nie besucht habe. „Warum? Ich hasse Massenaufläufe jeglicher Art. Messen mit Ausnahme des katholischen Hochamtes finde ich ermüdend. Die Luft ist schlecht, man läuft den ganzen Tag durch trostlose Hallen, man reist übermüdet an und ab, die Hotels sind überteuert, die Parties am Abend halten nicht das, was sie versprechen“, so Lange. „Daher rate ich Ihnen, liebe Leser: Gehen Sie auf keine Buchmesse und meiden Sie Lesungen von Autoren (mit Ausnahme von attraktiven Autorinnen). Sie sind oft enttäuschend, weil das Publikum saublöde Fragen stellt. Lesen ist eine einsame Sache, die man abends bei einem Glas Wein oder Bier im Sessel verrichtet. Dazu braucht man kein Volk, auch kein Lesevolk. Ganz schlimm sind oft die Buchmessenbeilagen der großen Tageszeitungen. Jedes Jahr falle ich wieder darauf rein und kaufe mir die dicken Schwarten, die der FAZ, der Zeit oder der Süddeutschen beiliegen. In der Regel schreiben hier Literaturkritiker für Literaturkritiker. Am normalen Zeitungsleser schreiben die schöngeistigen Redakteure meist vorbei. Oder Sie pushen Ihre Lieblinge oder zerreißen ihre Hass-Literaten.“ Seine Idole Oscar Wilde, Raymond Chandler, Richard Yates, Joachim Fest, F. Scott Fitzgerald, Winfried Martini und so weiter werde er dort sowieso nicht treffen. Denn sie seien tot. „Sie passen auch in keinen Kanon. Sie leben aber weiter in meinem Hirn. Das ist meine persönliche Buchmesse, die ich ganz allein betrete“, so Lange.
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